„Leid. Ich sehe viel Leid.“

Der Mainzer Mediziner Gerhard Trabert im Interview mit den NachDenkSeiten zum Thema Armut. Der Professor für Sozialmedizin, der seit vielen Jahren die Ärmsten in der Gesellschaft medizinisch versorgt, findet klare Worte. Ein paar Ausschnitte: Leid. Ich sehe viel Leid. Was glauben Sie, wie solche Aussagen wie die von Herrn Spahn oder von Frau von der Leyen am Selbstwertgefühl der Menschen nagen? Ich kann bei meiner Arbeit beobachten, wie Menschen sich immer mehr aufgeben, weil die äußeren Umstände einfach brutal sind. Arbeitslose Menschen haben im Übrigen eine 20-mal höhere Suizidrate als Erwerbstätige … Gleichwürdigkeit … Diesen Begriff, den es in unserer Sprache nicht gibt, verwende ich gerne und sage, dass er die Basis unserer Kommunikation zu benachteiligten, armen Menschen sein muss. Man muss diesen Menschen mit Würde begegnen, ihnen Würde zurückgeben und ihnen so auch dabei helfen, wieder den Glauben an sich selbst, an das Wertvolle in ihnen, an die eigenen Ressourcen zu finden. Manchmal habe ich das Gefühl, dass dieser Teil unserer Arbeit, wenn wir zum Beispiel zu wohnungslosen Menschen gehen und sie ärztlich versorgen, viel wichtiger ist als die Behandlung einer Krankheit oder eines körperlichen Gebrechens … Menschen, die sich … Leistungsdenken nicht unterwerfen, stellen dieses Leistungsparadigma in Frage. Das macht sie gefährlich für das Funktionieren anderer Menschen in dieser Leistungsgesellschaft. Also auch daher kommt vielleicht diese Abschätzigkeit im Verhalten gegenüber sozial benachteiligter Menschen … Die Behörden stellen oft administrative Hürden auf, die sozial benachteiligte Menschen aufgrund ihrer fehlenden Kraft gar nicht mehr nehmen können. Außerdem beraten sie beispielsweise nicht rechtskonform. Hinzu kommt, dass neben den bürokratischen Hürden auf den Ämtern oft den Menschen auch noch vermittelt wird, dass sie selbst schuld sind, keinen Wert haben usw. Zudem sind Antragsformulare in einer Sprache verschriftlicht, die kaum verstehbar ist … Die Betroffenen sind mit dem, was von ihnen gefordert wird, oft überfordert. Sie können nicht erfüllen, was die Ämter von ihnen verlangen. Diese Bringleistung ist oft, meines Erachtens, so intransparent und hochschwellig, dass ein Scheitern, ein Nichterfüllen strukturell gewollt ist … Man arbeitet hier mit Abschreckung, anstatt ernsthaft Armut zu bekämpfen … Meine langjährige Erfahrung als Arzt, als Sozialarbeiter, als Mensch im In- und Ausland tätig, hat mir immer wieder gezeigt, dass in Afrika von Armut betroffene Menschen physisch verhungern, in Europa verhungern sie psychisch, weil sie als wertlos betrachtet werden … Bildung ist kein Garant, aus der Armut zu entkommen. Der Vorschlag „Bildung“ wird als Credo gebraucht, oft ganz im neoliberalen Sinne. Damit wird gesellschaftsstrukturelles Versagen wieder individualisiert … – Interview Teil 1: www.nachdenkseiten.de/?p=43341 – Teil 2: www.nachdenkseiten.de/?p=43343
Weiterführende Infos: http://gesundheit-ein-menschenrecht.de/kontaktstellen/bayern
Aus einer Rede von Leo Mayer, isw München, vor IG-Metallern:
Wenn mehr über Burka als über Altersarmut debattiert wird, wenn die Obergrenze für Flüchtlinge die Menschen polarisiert und nicht eine Obergrenze für Mieten oder eine Untergrenze für Arme, dann drückt das die Rechts-Verschiebung im öffentlichen Diskurs aus … Wir brauchen eine neue politische Kultur: des Hinhörens, des gemeinsamen Lernens, des Suchens nach Gemeinsamkeiten, des Herausfindens, was richtig ist im Gegenargument – nicht des kleinsten gemeinsamen Nenners, sondern der Anerkennung von Differenzen. Und dem Ansatz strategischer Überlegungen, wo können sich umfassende, sektorenübergreifende … Bündnisse aufbauen lassen … Wir müssen den Raum erkämpfen für eine neue Kultur des Zusammenlebens … – https://www.isw-muenchen.de/2018/04/kapitalismus-vernichtung-der-lebensgrundlagen
Im vergangenen Jahr haben Jobcenter wieder mehr Sanktionen gegen Hartz-IV-Bezieher verhängt. Rund 953.000mal kürzten sie Betroffenen die Grundsicherung. Das waren fast 14.000 Strafen mehr als im Vorjahr, wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) am Mittwoch mitteilte. Demnach waren ständig rund 3,1 Prozent der 4,3 Millionen erwerbsfähigen Leistungsberechtigten, knapp 140.000 Menschen, sanktioniert … Tatsächlich mussten 2017 bundesweit rund 420.000 Menschen teils mehrfach jeweils drei Monate mit gekürzter Grundsicherung leben. Das betraf etwa jeden zehnten Leistungsberechtigten zwischen 15 und 65 Jahren. – https://www.jungewelt.de/artikel/330611.strafcenter-in-aktion.html
Das Sozialgericht Gotha hält die Kürzungen für grundgesetzwidrig und hat darum das Bundesverfassungsgericht angerufen. Noch in diesem Jahr soll es nach Möglichkeit zu einer Entscheidung kommen … Die Sanktionen sind elementarer Bestandteil einer Drohkulisse eines Sozialstaats, der für viele zum Angstmacher mutiert ist. Unmittelbar für jene, die bereits (lange Zeit) arbeitslos sind, aber auch für jene, die Angst davor haben, ihre Stelle zu verlieren und schnell weiter abzusteigen. – https://www.freitag.de/autoren/bennyk/die-menschenwuerde-ist-relativ-unantastbar
Inge Hannemann: „Sanktionen in Hartz IV als eine paternalistische Erziehungsmaßnahme“. – http://inge-hannemann.de/sanktionen-in-hartz-iv-als-eine-paternalistische-erziehungsmassnahme
Hartz IV: Jobcenter sanktionierten vergangenes Jahr auch Tausende Kinder, Elternpaare und Alleinerziehende – teils bis auf Null. Vereinigt und verteidigt euch, denn der einzelne ist Ämterwillkür hilflos ausgeliefert. – https://www.jungewelt.de/artikel/330698.repression-vom-amt.html

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